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Bühne
PRINZ präsentiert: The Who's Tommy
The English Theatre, Frankfurt, Sa, 04.02., 19:30 Uhr
"Tommy" ist wieder da! Nach 15 Jahren kommt das Musical nun zurück an den Main - und hat schon vor der Premiere einen enormen Ansturm auf die Karten ausgelöst. Völlig zu recht, wie wir finden.
Wir sehen Ruinen, den Union Jack auf dem Boden, Projektionen von Krieg, Bomben, Feuer. In der Mitte, erst auf dem Boden stehend, dann darüber schwebend, eine Person in roter Kleidung. Eine Maske verschleiert Augen und Mundpartie fixiert auf einem Gestell, ähnlich wie Hannibal Lecter. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Tommy ist nicht Täter - er ist Opfer. Er ist taub, stumm und blind, nach dem er Zeuge wurde, wie sein Vater den Liebhaber seiner Mutter tötet.
Was nach großem Drama klingt, ist in der Geschichte von Tommy tatsächlich noch der nachvollziehbarste Teil. Der Zweite Weltkrieg, vor allem deutsche Bomber, beuteln England. Mr. Walker, Kampfpilot und Vater des am Victory Day geborenen Tommy, gilt als verschollen. Die Mutter schlägt sich allein durch - bis der Vater wieder auftaucht und diesen einen, verhängnisvollen Mord begeht.
Bis hierhin sind wir uns sicher, dass wir die Rahmenhandlung erzählt bekommen. Doch was dann folgt, ist eine krude Aneinanderreihung von teils unvorstellbaren, bizarren und gruseligen Wendungen, die das Leben des Tommy Walker nimmt. Sei es der Missbrauch durch Onkel Ernie, die Misshandlungen von Cousin Kevin, die obskure Behandlung durch die Gypsy Queen, der unglaubliche Aufstieg als Flipperkönig, die unvorstellbare Verehrung und der tiefe Fall, nachdem die Huldigung überhandnimmt. Trümmer im Kopf. Das Ende, ist wie der Anfang. Waren wir Zeuge eines Alptraums, einer Vision oder eines zuckenden Gedankens?
Regisseur Ryan McBryde lässt die Frage bewusst offen. Und es ist zum ersten Mal eine logisch schlüssige Inszenierung der Geschichte von Tommy. Die Heilung nur geträumt? Alles nur geträumt?
Relevanter als die Lösung dieser Frage sind die Musik, die Performance und der Beat. Und das alles ist erstklassig! Das English Theatre bewegt sich an den Grenzen des auf der Bühne machbaren. Bis 12 Stunden vor der Premiere wurde am Sounddesign getüftelt, das Timing der Kostümwechsel abgestimmt, das Lichtdesign und der Ablauf der Videoprojektionen auf zwei Screens ausgetüftelt. Jetzt läuft's. Thomas Lorey leitet die siebenköpfige Band, die in der Kulisse nicht sichtbar die The Who-Songs kraftvoll klingen lässt.
Das Ensemble ist ohne Ausnahme stimmlich in der Lage, jeden Song perfekt umzusetzen. Besonders hervorgehoben seien hier Mark Powell und Natalie Langston als Mr. und Mrs. Walker (Highlight ist das Duett "I Believe My Own Eyes"), Callum Train und James Ballanger als "Pinball Wizards", Shimi Goodman mit seinem rauchigen Bariton als Priester, Kimmy Edwards als Gypsy Queen, Giovanni Spanó als Kevin - und natürlich Leo Miles als Tommy.
So viel Spaß hat "Tommy" noch nie gemacht. Die 95er-Show im Offenbacher Capitol? - Geschenkt! So pointiert, so ehrlich, war noch keine Inszenierung. Das Musical hat durch diese Produktion einen neuen Schub erhalten (Choreographie von Drew McOnie, Bühnenbild von Diego Pitarch). Und schon jetzt steht fest: 2012 geht diese Gruppe auf Tour. Bis Mitte Februar wird in Frankfurt gespielt, dann geht es nach Wien, Budapest, München und in 11 weitere Städte. Damit wird das English Theatre nicht nur das größte auf dem europäischen Kontinent sein, sondern auch das bedeutendste.
Tobias Rüb
PRINZ Festivalguide 2012
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