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Der Schauspieler Wolfgang Michael (56) hat schon mit Wim Wenders gedreht ("Palermo Shooting") und in vielen Krimi-Produktionen ("Tatort", "Polizeiruf", "Bella Block") gespielt. Am Schauspiel gibt er nun den jüdischen Geldverleiher Shylock in William Shakespeares Komödie "Der Kaufmann von Venedig".
Seicht überlässt er anderen: Wolfgang Michael ist der Mann für die großen Charakterrollen, ob im "Tatort", bei "Bella Block" oder jetzt auf der Bühne des Frankfurter Schauspiels
Herr Michael, wie sind sie Schauspieler geworden?
Da war viel Zufall im Spiel. Ich stamme vom ganz platten Land, aus Waldfeucht in der Nähe von Aachen, an der Grenze zur Niederlande. Da kommt man mit Theater eigentlich nicht in Berührung. Ich hatte aber am Gymnasium einen hervorragenden Lehrer, der mit uns ein Stück ins zeniert hat: "Endspiel" von Samuel Beckett. Darin habe ich die Rolle des Hamm übernommen - das war die Initialzündung. Auf der Bühne zu stehen und zu spielen war für mich ein berauschendes Erlebnis.
Wie ging es weiter?
Ein Jahr später entdeckte ich durch eine Anzeige in einer alten Theaterzeitung, dass es so etwas wie Schauspielschulen gibt - das kannte ich vorher gar nicht. Ich habe mich an der Folkwang-Schule in Essen beworben - und wurde direkt genommen. Ich habe dann das Schauspielstudium begonnen und parallel mein Abitur gemacht.
Sie waren zuletzt am legendären Wiener Burgtheater engagiert. Wie konnte Sie der Intendant Oliver Reese überreden, ans Frankfurter Schauspiel zu kommen?
Das war gar nicht so schwer. Ich hatte das Burgtheater ja schon vorher verlassen. Wien war von Anfang an nicht meine Stadt - darum wollte ich diesen radikalen Schnitt machen. Und mir ging es darum, neue Konzepte, neue Möglichkeiten und neue Leute kennenzulernen. In Frankfurt mache ich zwei Stücke pro Saison, dadurch bleibt mehr Zeit für Gastspiele.
Was für Projekte sind das?
Gerade habe ich in Warschau in "Nosferatu" gespielt - eine Inszenierung des Regisseurs Grzegorz Jarzyna, nach dem "Dracula"-Roman von Bram Stoker.
Sie sprechen Polnisch?
Nein. Polnisch ist schwer, verdammt schwer. Ich habe meinen Text Wort für Wort auswendig gelernt und mir alles übersetzen lassen. Das war eine ganz eigene, spannende Erfahrung.
Sie sind auch häufig in Fernsehkrimis zu sehen.
Das macht mir großen Spaß. Ich lese gerne gute, literarische Krimis - vor allem von schwedischen Autoren. Was ich komisch finde: In Krimis werde ich immer als der besetzt, bei dem jede Hausfrau sofort denkt: Der war's! Am Schluss stellt sich dann aber heraus: Der ist doch ein guter Kerl.
Mein Eindruck ist, Sie spielen meistens die Figuren, bei denen man nicht genau weiß, ob man sie mag oder nicht.
Das trifft auch auf den jüdischen Geldverleiher Shylock zu, den ich jetzt in "Der Kaufmann von Venedig" übernehme - eine unglaublich heterogene und komplizierte Figur. Der Mann ist kein Sympathieträger. Aber er schleppt auch 5000 Jahre Geschichte mit sich herum, nämlich 5000 Jahre Judenhass und Judenverfolgung. Am Ende wird ihm alles genommen: das Geld, die Tochter, der Glaube. Das ist unglaublich. Das ist für mich der Holocaust.
Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Fernsehen, Kino und Theater ...
... dann würde ich immer das Theater wählen. Und zwar wegen der Texte, denn da ist alles drin. Im Theater geht es immer um die letzten Dinge, um Leben, Tod und Liebe - und zwar nicht ihrer süßlichen, sondern in ihrer existenziellen Form.
Interview: Alexander Jürgs
schauspielfrankfurt.de
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